„Up in the Air“ – Harald Grohs – Fahrerportraits TWC 2019

Fahrerportraits Tourenwagen Classics 2019

ALTE DTM-HELDEN (5)

 

Harald Grohs

 

Das Szenario war fast immer das gleiche. Erst flogen die Fetzen, dann pflegte Harald „Nippel“ Grohs gestenreich, mit weit aufgerissenen Augen und schnalzender Zunge, seine wilden Ritte zu erklären. „Wer sich mit mir anlegt, hat eben nix zu lachen“, pflegte er meist nach ruppigen Feindbegegnungen zu seiner Entlastung vorzutragen. Nein, zimperlich war das kleine und schmächtige Kerlchen aus dem Ruhrpott nie. Er teilte kräftig aus, wenn ihm einer zu nahe kam. Er driftete wie einst Hans Stuck in seinen besten Tagen. Und er sprang an den Buckeln des Nürburgrings am höchsten, spektakulärsten, weitesten und gelegentlich auch zu weit…

 

Wahrscheinlich ist Harald genau der Typ, den das Publikum sehen will: Ein bisschen verrückt, ein bisschen verrucht, ein wilder Kämpfer aus dem einfachen Volk, der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Geradezu perfekt inszenierte der Essener deshalb seine eigene Show bei jedem Start aufs Neue. „Die Leute wollen doch was sehn, da musst du’s eben ordentlich krachen lassen.“ So war er, so ist er und so bleibt er wohl auch, bis er das Cockpit endgültig verlässt – ein Pfundskerl, ehrlich, gradlinig, fair, witzig, unterhaltsam, loyal, zuverlässig.

 

In seiner 25 jährigen Rennfahrerkarriere bewegte Asphalt-Cowboy Grohs alles, was vier Räder hat. Touren-, GT- und Sportwagen – nur um Formel-Autos machte er einen Bogen. BMW- und Porsche-Rennautos prägten seine Laufbahn. Harald  hat die haarsträubendsten Unfälle ohne nennenswerte Blessuren überstanden, allein achtmal zog man ihn aus brennenden und qualmenden Wracks. Wie viele Autos er darüber hinaus noch verbogen hat, ist nicht mehr nachvollziehbar. Aktenkundig ist aber ein Verkehrsunfall aus seinen ganz frühen Jahren. „Wir saßen zu viert im Porsche-Targa eines Freundes, ich hinten auf dem Notsitz. Zwischen Essen und Velbert trafen wir leider einen Baum. Die Kiste brannte, ich war schwer ramponiert und eingeklemmt. Andere Autofahrer zerrten mich ins Freie und brachen mir bei der Rettungsaktion auch noch Arme und Beine. Drei Monate Krankenhaus, davon die Hälfte im Streckbett, weil die Ärzte mich erst wieder auf normale Länge ziehen mussten.“

 

Über 50 Starts absolvierte Grohs bislang bei den 24 Stunden-Klassikern in Le Mans, Daytona, Spa und am Nürburgring – den so sehnlichst herbeigewünschten Gesamtsieg hat er leider nie geschafft. Ein Dutzend Mal fiel er in Führung liegend aus, teils wegen technischer Defekte, teils auch „durch eigene Blödheit“. Dafür, dass er mal am Nürburgring mit Stuck und Quester im 635er BMW-Coupe locker führte und dann das Auto ohne Not wegwarf, „könnte ich mir noch heute in den Arsch treten“. Vor den empörten Mitfahrern musste er damals „sicherheitshalber fliehen“.

 

In der DTM hat Grohs gleich zweimal mit historischen Siegen für BMW Geschichte geschrieben: 1984 in Zolder mit dem ersten DTM-Sieg eines 635 CSi und 1987 mit dem M3 in Hockenheim. 32 Jahre später bewegt der ewig junge Racer (inzwischen 75) den schwarzen Vogelsang-M3 mit der bunten BMW-Niere und der Original-Startnummer 6 erneut bei den Rennen der Tourenwagen Classics. Das Cockpit teilt er sich mit TWC-Cheforganisator Ralph Bahr – beide haben 2018 als Gesamtdritte und Klassensieger abgeschlossen. Das schon 1997 offiziell erklärte Ende seiner Profi-Karriere hat Harald nicht davon abgehalten, immer mal wieder „zum Spaß und um mich fit zu halten“ bei einem Langstreckenrennen anzutreten. Die übrige Zeit führte er seinen eigenen Rennstall („hat mich nur Geld gekostet“) und ist für BMW als Markenbotschafter mit vielseitigen Aufgaben unterwegs.

 

„Das ist jetzt der seriöse Teil meines Lebens, die verrückten Zeiten sind endgültig vorbei. Zumal meine Angelika mich zu einem anständigen Menschen erzogen hat.“

Rainer Braun, April 2019

Bild #1 Modische Brille, hübscher Kerl: Grohs 1974 als R5-Pilot © Nicot

Bild #2 Mutige Sprünge: Im BMW 320 bei der DRM 1977 am Ring © Nicot

Bild #3 DTM-Premiere-Sieg I: Im BMW 635 CSi bei der DTM 1984 in Zolder © Archiv Bilstein

Bild #4 DTM-Premiere-Sieg II: Im BMW M3 bei der DTM 1987 in Hockenheim © Archiv Bilstein

Bild #5 Weiter Flug, harte Landung: Grohs 1987 in Spa im Porsche 944-Cup © Müllender

Bild #6 Spaß in der TWC 2019: Der historische BMW M3 mit der Start-Nr. 6 beim Testlauf © Pixorado

Bild #7 „Sie hat aus mir einen anständigen Menschen gemacht“ – Harald und seine Angelika © Privat

Bild #8 Verblüffende Ähnlichkeit: TV-Star Claus Theo Gärtner (r.) und sein Kumpel Grohs © Unbekannt