Menschen, Macher, Manager – Folge 1 (A-F)

Rainer Brauns "DTM ABC"

Wenn man zwölf Jahre lang eine so großartige Meisterschaft wie die alte DTM als Journalist, Streckensprecher und TV-Kommentator begleitet hat, erinnert man sich zwangsläufig an viele Fahrer, Teamchefs, Manager, Organisatoren und Offizielle.

Auch 35 Jahre nach dem ersten Rennen 1984 und 23 Jahre nach dem bitteren Ende 1996 hat sich daran bei mir nichts geändert. Was musste ich seinerzeit Vorurteile revidieren, menschliche Enttäuschungen verarbeiten und auch mal höchst erstaunliche Charaktereigenschaften registrieren. Die Bandbreite reicht vom großen Macher bis hin zur vermeintlich unbedeutenden Randfigur.

Für die aktuelle, immer weiterwachsende TWC-Gemeinde und alle Fans der alten DTM habe ich die Fortsetzungsserie „DTM von A bis Z“ als Lesestoff für die rennfreien Monate zusammengestellt. Die Auswahl erhebt allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

© Kräling (3); Peter; Ford; Bock; Mercedes; Seufert; Bilstein; Boels, Suer; Privat (je 1)

A

Aufrecht, Hans Werner

War ITR-Präsident seit dem Gründungsjahr 1986 und zugleich AMG-Chef. Mal freundlicher Verhandlungs-Partner mit genialen Ideen, mal unverträglicher Streithammel. Kämpfte für seine Ideen und Ziele notfalls bis zur totalen Erschöpfung. Duldete aber leider weder Widerspruch noch Kritik. Nicht selten wurde der gerade in Ungnade gefallene Gesprächspartner ohne Rücksicht auf Umstehende lautstark runtergemacht. Andererseits: Wenn „HWA“ jemand mochte, konnte der alles von ihm haben. Der „Alte“ hat für die DTM gearbeitet wie ein Tier, und zwar vom ersten Tag an. Ohne sein persönliches Engagement hätte es die DTM in ihrer Bestform vermutlich nie gegeben. Ihn allerdings nach dem Deal mit Ecclestone und damit verbundener Umwandlung in ITC im Nachhinein als Alleinschuldigen für den Niedergang der DTM hinzustellen, wäre nicht fair. Nicht zutreffend ist auch die von der Konkurrenz immer mal wieder geäußerte Vermutung, dass HWA seine Doppelfunktion als ITR-Präsident und AMG-Chef dazu genutzt habe, anstehende Reglements-Entscheidungen im Zweifelsfall pro Mercedes zu beeinflussen. Tatsächlich hat er immer versucht, gerade diesem äußerst heiklen Bereich strikt zu trennen – hier war der ITR-Chef absolut neutral, fair, fast sogar überkorrekt. Stand auch der neuen DTM ab 2000 als Präsident vor bis zur Amtsübergabe an Gerhard Berger. Wohnt und lebt heute in der Schweiz und wird am 28. Dezember 81 Jahre alt.

Asch, Roland

Liebenswürdiges schwäbisches Rennfahrer-Original und treuer DTM-Starter ab dem zweiten DTM-Jahr. Seine Stationen: Privater Ford Mustang (85/86), privater Mercedes 190 (88), Mercedes-Werksfahrer (89-94), zweimal Vizemeister (88 und 93). Grundehrliche Haut, war immer ansprechbar und immer freundlich. Eigentlich ein viel zu lieb und nett für die oft verlogene Motorsport-Szene. Nicht umsonst galt und gilt er noch immer als einer der ganz großen Publikumslieblinge. Ist heute Classic-Botschafter von Mercedes und mit fast 70 Jahren noch genauso faltenfrei und fröhlich wie zu seiner besten DTM-Zeit.

Alzen, Uwe

Ein gewaltiges Fahrtier von Gottes Gnaden. Vollbrachte mit privat eingesetzten, jeweils aus dem Vorjahr stammenden Mercedes drei Jahre lang wahre Glanzleistungen. Mercedes zögerte mit einem Werksvertrag, Opel griff dafür zu und hatte nichts zu bereuen. Mentor Walter Mertes riss sich derweil im Hintergrund für seinen Schützling „den Arsch auf“, um von Jahr zu Jahr den Fortgang der Karriere durch Sponsoren-Akquise zu sichern. Im krassen Gegensatz zu seinem fahrerischen Talent stand leider Uwe‘s diplomatisches Geschick bei Interviews oder im Gespräch mit Sportkommissaren. Da brillierte er oft genug als wahrer Poltergeist – allerdings verehrten ihn viele seiner Fans gerade für seinen Mut, spontan zu sagen, was man gerade so denkt. Fährt noch heute alles, was ihm grad so taugt.

B

Berner, Siegfried

Bis Ende 1995 Repräsentant und Chef der riesigen Gäste-Hospitality von Generalsponsor DEKRA bei allen DTM-Läufen. Gemütlich-freundlicher Genussmensch, der sich durch nichts und niemand aus der Ruhe bringen ließ. Ihm zuliebe traten sogar namhafte Piloten bei der traditionellen Samstagabend-DEKRA-Party ohne Gage zur Talkrunde an. Sigi Berner gehörte zu den beliebtesten Menschen im Fahrerlager. Ihm konnte man einfach keinen Wunsch abschlagen. Leider viel zu früh gestorben.

Bartels, Michael

Kam 1994 mit Alfa in die DTM, nachdem er die Formel 3000 frustriert und ohne Sieg abgehakt hatte. Der Doppelsieg in Diepholz 1995 ent-schädigte ihn für viele vorangegangene Enttäuschungen. Präsentierte sich immer als freundlicher, hilfsbereiter und technisch kompetenter Gesprächspartner ohne Starallüren. Und die hätte er wegen seiner mehrjährigen Verbindung zu Tennisstar Steffi Graf durchaus haben können. Sensible Beobachter registrierten stattdessen einen im Vergleich zu früheren Jahren eher verschlossen, manchmal sogar misstrauischen Michael Bartels. Ich glaube, er war damals mit feinen Antennen auf der Suche nach den wirklichen Freunden und jenen, die sich nur ihm Ruhm des „Steffi-Freundes“ sonnen wollten. Lebt heute in Wiesbaden und hat sich vom aktiven Rennsport längst zurückgezogen. Wird demnächst 52.

Bernard, Michael

Kurz- und Spitzname „mib“. Umtriebiger, kreativer Macher mit ausgeprägter Vorliebe für schwarzen Humor, derbe Späße und originelle Formulierungen. War im Auftrag der ONS (heute DMSB) für das sportliche und technische DTM-Reglement verantwortlich. Konnte in der Endphase der alten DTM einem Superangebot von Alfa nicht widerstehen und wechselte als deutscher Verbindungsmann und Koordinator die Fronten, um sein immenses technisches Wissen in den Dienst der Italiener zu stellen. Leider war der Traumjob durch das jähe Ende der DTM/ITC nur von kurzer Dauer. Als „Reglements-Fuchs“, der jede undichte Stelle erschnüffelt und notfalls auch gnadenlos nutzt, war und ist „mib“ immer eine gute Investition. War eine der treibenden Kräfte für die Wiedergeburt der neuen DTM 2000 und arbeitete zunächst für Opel, dann wieder bis vor kurzem für die ITR. Jetzt bei HWA für technische Reglements zuständig.

Bovensiepen, Burkard

ITR-Mann der ersten Stunde, Gründungsmitglied und Vizepräsident von 1986 bis 1988. Exzellenter Kaufmann und Manger, begnadeter Rhetoriker. Ein wahrer Meister des perfekten Vortrags mit süffisanter Formulierungskunst und tierischem Spaß am Spiel mit Worten. Zog sich nach 1988 aus der ITR zurück, nachdem auch sein Alpina-BMW-Team nicht mehr antrat. Echter Verlust für die ITR, die er in seiner Amtszeit auch auf eine gesunde finanzielle Basis gestellt hatte. Bovensiepens giftgrüne M3 mit Danner und Oberndorfer standen stets wie aus dem Ei gepellt am Start. In Erinnerung ist der grandiose Doppelsieg von Christian Danner 1988 in Hockenheim. „BuBo“ wird demnächst 84 Jahre alt und hält noch immer die Fäden seines Alpina-Unternehmens in der Hand.

Biela, Frank

Kam als Ford-Junior 1987 zusammen mit Manuel Reuter und Bernd Schneider in die DTM und machte konsequent seinen Weg zu einem der weltbesten Tourenwagen-Piloten. Nach Mercedes-Zwischenstation 1991 Wechsel zu Audi und mit dem bärenstarken V8 auf Anhieb Titelgewinner und Rekordsieger gleich in seinem ersten Audi-Jahr. Stiller, introvertierter Typ ohne den geringsten Anflug von Starallüren. Blieb Audi auch nach Ende der DTM bis zum Karriereschluss treu, erreichte fünf Siege bei den 24 h von Le Mans und ist heute Classic-Botschafter für „Audi Tradition“.

Bechtel, Burkhard.

Zusammen mit dem unvergessenen Kalli Hufstadt Strecken- und Startplatzreporter über viele DTM-Jahre, dann Kommentator bei Eurosport und DSF für die Zweit- und Drittverwertungsbeiträge der DTM. Ab 1996 Live-Kommentator beim neuen DTM/ITC-Rechte-Inhaber VOX. Nach einem Jahr war der Spaß für ihn allerdings schon wieder vorbei. Burkhard ist ein solider, kompetenter Arbeiter mit viel Hintergrundwissen zu den technischen Abläufen einer TV-Übertragung. Hat sein Handwerk bei Wige TV gelernt. Seit drei Jahrzehnten fest verwurzelt mit Porsche als Kommentator des deutschen Carrera Cups und des Mobil 1-Super Cups. Produziert mit seiner Firma „RaceCam“ fertige Videobeiträge für TV-Sender und andere Medien.

Basche, Dieter

Nachfolger von Herwart Kreiner als Audi-Rennleiter. In die kurze Amtszeit des ehemaligen BMW-DRM-Piloten fielen sowohl der DTM-Titel mit Biela 1991 als auch der Ausstieg des Ingolstädter Unternehmens mitten in der Saison 1992. Ein BMW-Protest wegen der umstrittenen Legalität der V8-Kurbelwelle führte um die Zeit des Norisring-Rennens im Juni zum abrupten Ende der zweieinhalb-jährigen Audi-DTM-Präsenz Als Gesprächspartner war Basche nicht immer einfach, aber ein liebenswürdiger, ehrlicher Typ. Blieb bei Audi bis zum Ruhestand und lebt heute in Eichstätt in Bayern als immer noch Motorsport-interessierter Pensionär. Feiert im Juli 2020 seinen 84. Geburtstag.

C

Cramer, Peter

War Repräsentant und Interessenvertreter verschiedener DTM-Sponsoren, darunter D2 Mannesmann und Coca Cola. Erkennungszeichen des höchst umtriebigen Event-Managers: Hurtiger Gang, abwesender Blick, immer geschäftig, immer in Eile. Machte einen guten, seriösen Job und war ein wichtiger Stützpfeiler der DTM-Finanzkonstruktion. Wurde übrigens in seiner aktiven Zeit als Hobby-Rennfahrer 1973 bei einem Massenunfall der Formel Super V auf der Nordschleife zum Helden, als er nacheinander zwei schwerverletzte Kollegen mutig aus ihren brennenden Rennwagen zog. Anschließend fanden sich Retter und Gerettete im selben Krankenzimmer im Adenauer Spital wieder. Vollendet 2020 sein 70. Lebensjahr.

Cecotto, Johnny

Einer der schillerndsten DTM-Hauptdarsteller mit Mercedes (1988) und BMW (89 bis 92). Immer sauschnell und trickreich, ein beinharter Fighter. Legendär sein Duell mit Klaus Ludwig 1992 auf der Nordschleife und der Zoff mit Michael Schumacher nach dem Hockenheim-Crash. Beanspruchte im Team wie selbstverständlich den Nummer 1-Status, auch wenn er ihm offiziell gar nicht zustand. Sein Auftritt und sein Outfit waren stets makellos – ein echter Gentleman. Das änderte sich allerdings rasch, wenn es im Kampfgetümmel zu Blechkontakten kam – dann wurde der feine Herr Cecotto zum unberechenbaren Amokläufer. Mitunter flippte er völlig aus. Fritz Kreutzpointner und Michael Schumacher haben da 1990 so ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Nur ein paar kräftige BMW-Mechaniker bewahrten die Junioren damals vor dem Sofortzugriff des tobenden Südamerikaners. Inzwischen kümmert sich der bald 64-Jährige mit Hingabe um die Rennsport-Karrieren seiner beiden Söhne.

D

Danner, Christian

Weltmännischer, souveräner Rennfahrerprofi mit erstklassigen Manieren und ausgeprägter Gabe, Dinge verständlich zu erklären. Für jeden Reporter und Journalisten in der DTM-Blütezeit immer eine gute Adresse, um gesicherte Infos einzusammeln. Fuhr für Alpina, BMW und gehörte ab 1993 zum fahrenden Personal im Alfa-Werksteam. Wusste beispielsweise zur Zeit des großen Getriebedurcheinanders bei Alfa immer haargenau, wer gerade welches Schaltsystem im Auto hatte -was man von den Alfa-Teammanagern nicht immer behaupten konnte. Machte nach Ende der DTM/ITC große Karriere als Co-Kommentator und Experte bei den F1-Übertragungen von RTL. Ist dort seit mehr als 20 Jahren als Partner von Heiko Wasser an Bord. Gehörte übrigens auch der Untergrund-Truppe an, die für eine neue DTM kämpfte. Wird 70 im April 2020.

E

Emde, Hugo

Bilstein-Sport und PR-Chef mit unübersehbarer Vorliebe für den deutschen Tourenwagensport. Galt als einflussreichster und mächtigster Mann im deutschen Automobilsport – nie mehr nach ihm gab es einen Topmanager mit solch einer Machtfülle. Hatte ungehinderten Zugang in die Vorstandsetagen sämtlicher Automobilhersteller und prägte sowohl die DRM (ab 1971 bis 1985) als auch die DTM (ab 1984) entscheidend mit. Auch sportpolitisch einflussreicher Macher, der gemeinsam mit der Sporthoheit ONS so manche Kuh vom Eis zog. Ohne sein Engagement und seine Fürsprache hätte überdies so mancher namhafte Rennfahrer seine Karriere erst gar nicht beginnen können. Nichts zu lachen hatten die Emde-Kunden, die es wagten, von Bilstein-Dämpfern auf ein Konkurrenzfabrikat zu wechseln. Sein Tod 1995 hinterließ eine Lücke, die sich erst ganz langsam wieder schloss.

F

Fischer, Bernd

Einer der liebenswürdigsten und ehrlichsten Menschen, die ich jemals kennengelernt habe. Sein Präzisionsbetrieb „CNC Fischer“ arbeitete nicht nur für die DTM, der Chef lebte auch für diese Rennserie. Der Bilderbuch-Pfälzer („allah, trinke mer einer“) und seine Hospitality waren Dreh- und Angelpunkt im DTM-Fahrerlager. Bei ihm gab‘s die besten Weine, die besten Bratkartoffel, die beste Wurst und die beste Stimmung. Seine jungen Schützlinge Sandy Grau und Bernd Mayländer lagen ihm immer sehr am Herzen, beide hätten ohne ihren Gönner und Förderer Bernd Fischer den Zugang zum exklusiven DTM-Zirkel wohl kaum aus eigener Kraft geschafft. Berühmt-berüchtigt auch Fischers Pfälzer DTM-Brotzeit mit „Weck, Wurst und Wein“ für seine Freunde alljährlich zum Saisonbeginn in der „Eselsburg“ im Bermuda-Dreieck Neustadt/Mußbach/ Deidesheim. Gestorben 1994 als Beifahrer bei einem unverschuldeten Autounfall.

Flohr, Wolfgang Peter

Opel Sportchef seit Ende 1995. Gleich im ersten Jahr seines Jobs für das Rüsselsheimer Unternehmen verbuchte er jenen Erfolg, den seine Vorgänger vergeblich suchten: Manuel Reuter gewann mit dem schwarzen Cliff-Calibra den ITC-Fahrertitel und sicherte überdies auch noch die Marken-Meisterschaft. „WPF“ war gerissener Stratege, trickreicher Manager, vielsprachiger PR-Botschafter und versierter Kaufmann in Personalunion. Rhetorisch bärenstark, verkaufte er die Marke und sich selbst geschickt wie kaum ein anderer. Das war schon in seiner Zeit als Sportchef bei BMW so, wo er sich mit dem Titelgewinn DTM-Gewinn 1987 aus München verabschiedete. Bei jedem Neubeginn lautete Flohrs Devise: „Zuerst die Strukturen im Haus ordnen, dann die Kräfte bündeln, und danach die Ernte einfahren.“

Franchitti, Dario

Kam als 22jähriger Mercedes-Junior 1995 zusammen mit Jan Magnussen ins DTM-Feld. Erfrischende, freundliche Erscheinung mit tollem Auftritt und besten Manieren. Dazu sauschnell und von Anfang an ein echter Frontrunner. Brachte frischen Wind und Bewegung in die Reihen der Altstars, die an der enormen Grundschnelligkeit des Italo-Schotten ganz schön zu knabbern hatten. Ein sensationell guter Typ, der mit seiner freundlich-verbindlichen Art viele Fans und Freunde gewann. Machte danach schnell in den USA Karriere.

© Kräling (3); Peter; Ford; Bock; Mercedes; Seufert; Bilstein; Boels, Suer; Privat (je 1)

 
 
 

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