Die Treibjagd – Rückblick auf das 24-Stunden-Rennen von Spa-Franchorchamps 1988

Das 24-Stunden-Rennen von Spa-Franchorchamps war schon immer eine besondere Herausforderung gewesen. Die 6,3 km lange Strecke in den Ardennen erfordert fahrerisches Können und ringt den Fahrzeugen eine hohe Belastungsprobe ab.

1988 war es das Highlight der Europäischen Tourenwagen-Meisterschaft. Top-Teams wie Linder, Schnitzer, Eggenberger, Bigazzi, Bemani, Prodrive, Jolly Club und viele Privatiers traten gegeneinander an.

Für die Teams von Ruedi Eggenberger und Herbert Schnitzer hatte der Langstreckenklassiker eine große Bedeutung, denn der Sieg bedeutete quasi eine Vorentscheidung im Kampf um die Meisterschaft. Für eine Zielankunft gab es die doppelte Punktzahl. Anschließend folgten nur noch die Rennen in Nogaro, Zolder und Silverstone. Sieben Rennen waren bereits entschieden und schon nach den ersten Rennen der Saison 1988 war klar: Die Ford Sierra RS 500 Cosworth von Ruedi Eggenberger waren bei Rennen über eine kurze oder mittlere Distanz nicht zu schlagen.

Für den Tourenwagen-Langstreckenklassiker rüsteten Ford und BMW mächtig auf. Ruedi Eggenberger bot hochkarätige Fahrer auf: Pierre Dieudonné, Klaus Ludwig, Thierry Boutsen, Bernd Schneider, Frank Biela, Didier Theys, Bertrand Gachot, Gianfranco Brancatelli und Steve Soper verteilten sich auf drei Ford Sierra RS 500 Cosworth. Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass noch die Teams Jolly Club Bergamo, Bavaria Automobiles, Bornebusch Racing, Evert Bolderheij und Luigi Racing ebenfalls Ford Sierra RS Cosworth an den Start brachten, diese aber keine ernsthaften Chancen auf einen Sieg hatten.

Auch BMW hatte alles aufgefahren, was Rang und Namen hatte. Insgesamt sieben Werkswagen waren verteilt auf die Teams Schnitzer, Linder, Bigazzi und Prodrive. Die BMW-Werksfahrer hießen in diesem Jahr Roberto Ravaglia, Alfried Heger, Eric van de Poele, Harald Grohs, Dieter Quester und Markus Oestreich auf den favorisierten Schnitzer M3. Auf dem BMW M3 vom Team Linder starteten die Youngster Ellen Lohr, Frank Schmickler und Michael Bartels. Für das Team Bigazzi griffen Jacques Laffite, Jean-Michel Martin, Olivier Grouillard, Mark Thatcher, Otto Rensing und Winfried Vogt ins Lenkrad. Die mehrheitlich in Rallyekreisen bekannte Prodrive-Mannschaft setzte ebenso zwei BMW M3 E30 mit Jean-Pierre Jabouille, Jean-Louis Schlesser, Marc Duez, Bernard Béguin, Christian Danner, und Eddy Joosen ein.

Ford hatte mit dem Sierra Cosworth RS bis dato kein Glück bei den Langstreckenklassikern gehabt. Ein Jahr zuvor waren nach 22 Stunden Führung beide Ford mit Motorschäden ausgefallen. Auch beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring fielen beide Autos wieder wegen Motorschäden aus. Ruedi Eggenberger ließ für das Rennen die Autos neu aufbauen. Lothar Pinske: „Die Autos waren quasi neu. Der Ruedi hat alles ausgetauscht, was schon im Einsatz war.“ Die Achillesferse blieb trotzdem der Turbomotor. Ford kam der Umstand entgegen, dass man in Spa ohne Schalldämpfer fahren und die Motoren ungehemmt ihre Leistung entfalten durften. Trotzdem drehte man für das Rennen den Ladedruck der drei Autos soweit wie nötig zurück, um den drohenden BMW-Ansturm noch abwenden zu können. Einzig und alleine im Training hatte Ruedi Eggenberger den Ladedruck hochgedreht. Das reichte, um die BMW-Front zu deklassieren. Der schnellste BMW hatte ganze vier Sekunden Rückstand auf den schnellsten Ford. Die BMW-Fahrer ließen sich davon aber nicht beirren. Ihre Taktik war es, die drei schwarzen Ford erbarmungslos zu jagen.

Nach dem Start übernahmen zunächst die Ford Sierra Cosworth RS die Führung und bogen werbewirksam zu dritt in die Eau Rouge-Kurve. Aber schon am Ende der ersten Runde sprengte Olivier Groulliard das Ford-Trio. Dann nach drei Runden wurde der führende Thierry Boutsen das Opfer seiner eigenen Taktik. Er hatte die Flucht nach vorne angetreten, um von Beginn an die BMW zu einer schnelleren Gangart zu zwingen. Er fuhr die Box an und beklagte starke Vibrationen. Eineinhalb Stunden später folgte für Ford die nächste Schrecksekunde. Didier Theys knallte im Streckenabschnitt Blanchimont heftig in eine Mauer. Ein neu verbautes Federbein war einfach abgeknickt. Die einzige Erklärung, die Ford-Ingenieur Eberhard Braun in diesem Moment dafür hatte: „Materialfehler. Schließlich waren die Teile neu. Sowas hatten wir in den letzten drei Jahren noch nie gehabt. Ausgerechnet hier muss das passieren.“

Zu allem Übel nahm der Unfall von Didier Theys auch noch den favorisiertem Ford Sierra seiner Teamkollegen Thierry Boutsen, Klaus Ludwig und Gianfranco Brancatelli die Siegchancen. Infolge einer langen Pace car-Phase brach die Elektrik immer wieder zusammen. Zuerst wechselten die Mechaniker die Batterie, dann noch die Lichtmaschine. Mit fünf Runden Rückstand nahm Klaus Ludwig aussichtslos das Rennen wieder auf. Die BMW M3 von Schnitzer schafften es, in Schlagdistanz zu den führenden Ford Sierra zu bleiben, und profitierten von deren Problemen.

In der Nacht liefen die BMW-Fahrer zur Hochform auf und erhöhten das Tempo. Trotzdem passierte in der Nacht etwas, womit keiner gerechnet hatte. Der Ford Sierra der Junioren Frank Biela und Bernd Schneider rückte in die Spitzengruppe vor – und das, obwohl alle Ford-Fahrer die schlechten Reifen von Pirelli beklagten. Das ganze Wochenende hatte man mit der kurzen Haltbarkeit und Vibrationen zu kämpfen. Reifenlieferant Pirelli ordnete in der Morgendämmerung eine andere Mischung an. Diese hielt zwar länger, führte aber auch zu einer katastrophalen Straßenlage. Ab diesem Zeitpunkt war klar, dass man kaum dem fortwährenden Druck der BMW-Piloten in der Nacht gewachsen war. Durch den höheren Spritverbrauch des Turbomotors musste man auch öfter zum Nachtanken an die Box kommen. Zur Mitte des Rennens hatten Biela und Schneider schon fünf zusätzliche Boxenstopps einlegen müssen.  

In der Nacht lagen die beiden BMW M3 von Schnitzer, der Linder-M3 und der einsame Ford der Ford-Junioren noch innerhalb einer Runde. In der Morgendämmerung schlug Eric van de Poele heftig in eine Leitplanke ein. Durch den Unfall hatte sich das Fahrwerk stark verzogen. Van de Poele, Markus Oestreich und Harald Grohs kämpften noch wacker mit, obgleich ihr M3 kaum noch fahrbar war. Der BMW-Top Pilot Roberto Ravaglia war auf beiden Schnitzer BMW M3 genannt worden. Der Unfall von Eric van de Poele vereinfachte ihm die Entscheidung, auf welches Auto er sich konzentrieren musste. Er wechselte auf den führenden BMW M3 und teilte sich das Cockpit nun mit Altfrid Heger und Dieter Quester.

Gegen 11 Uhr fiel die Vorentscheidung, als der Ford Sierra von Bernd Schneider, Frank Biela und Steve Soper außerplanmäßig an die Box fuhr. Genau wie beim Schwesterauto war das linke Federbein gebrochen. Und als ob das nicht noch genug gewesen wäre, ging wenig später noch ein Radlager fest und der Auspuff fiel ab. Am Ende reichte es noch für den vierten Platz. Bis zum Fallen die Zielflagge hatten sich Klaus Ludwig, Thierry Boutsen und Pierre Dieudonné wieder durch das Feld gearbeitet und wurden mit drei Runden Rückstand sogar noch mit dem zweiten Platz belohnt. Den dritten Platz belegte die Bigazzi-BMW M3 Fahrerpaarung Olivier Groulliard, Jean-Martin Michel und Jacques Laffite.

Altfrid Heger, Dieter Quester, Roberto Ravaglia und die Schnitzer-Mannschaft hatten 24 Stunden lang eine fehlerfreie Show geboten. Während dieses Langstreckenklassikers waren sie die Jäger und die Gejagten. Der BMW M3 E30 war beiden Aufgaben gewachsen.

Beim Blick auf die Starterliste dürfen einige Teams nicht unerwähnt bleiben. Nissan Motorsports Europe hatte einen Nissan Skyline GTS-R Turbo eingesetzt und mit Allan Grice, Win Percy und Anders Olofsson auch gut besetzt. Das Team fuhr konstant, hielt sich aus unnötigen Scharmützeln heraus und wurde mit einem sechsten Platz belohnt.

Bemani Toyota Schweiz überraschte im Rennen mit dem fünften Platz. Ludwig Hötzl, René Hollinger und Phillippé Menage kamen mit 23 Runden auf den Sieger ins Ziel. Der zweite Toyota Supra 3.0 von Volker Strycek, Phillippe Müller und Ruedi Schmidlin fiel dagegen mit Motorschaden aus.

 
 
 

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